The Girl from Uddevalla
Wenn eine Sängerin ihr Album und sich selbst als „The Girl from Uddevalla“ bezeichnet, dann ist dies mehr als der Hinweis auf ihren schwedischen Geburtsort. Dahinter verbirgt sich – unausgesprochen und doch präsent – ein weiterer zweiter Ort, eine Art Sehnsuchtsort. „The Girl from…“: Diese drei Worte reichen uns, um wie aus der Pistole geschossen das vierte zu ergänzen, „Ipanema“ – jenen mit Träumen und Phantasien behafteten Stadtteil und gleichnamigen Strand Rio de Janeiros. So, wie man im Falle von „Die Kinder von…“ auf Bullerbü, bei den „Straßen von…“ auf San Francisco, beim „Hund von…“ auf Baskerville, bei den „Fischer(n) von…“ auf Capri oder bei der „rote(n) Sonne von…“ auf Barbados tippen würde.

Uddevalla, Ipanema. Tatsächlich gibt es etwas, das die Stadt an der Westküste Schwedens in ihrer jüngeren Geschichte mit Brasilien verbindet. Es ist das – neben der Musik – wohl schillerndste Aushängeschild des südamerikanischen Landes, die Seleção. 1958 gehört Uddevalla zu den zwölf auserwählten Spielorten der Fußball-Weltmeisterschaft in Schweden. Im einzigen Spiel, das dort am 8. Juni ausgetragen wird, trifft Österreich auf Brasilien. Die Mannen um Pelé gewinnen, erreichen das Endspiel und schlagen das Gastgeberland, jene Nation, deren leuchtend gelbes Trikot das schwedische Team bis heute wie nordeuropäische Brasilianer wenn auch nicht spielen, so doch aussehen lässt.

1958 gilt als das „Geburtsjahr“ der Bossa Nova (Übrigens: Eben jener Pelé sollte später selbst einige Bossa-beeinflussten Songs schreiben, singen und aufnehmen, u.a. mit niemand Geringerem als Elis Regina). Die junge Sylvia begeistert sich für die Musik eines Antonio Carlos Jobim, eines João Gilberto und Luiz Bonfá und für die melancholische Poesie eines Vinícius de Moraes. Der 1964 veröffentlichte Jobim/de Moraes-Song „The Girl from Ipanema“ mit Astrud Gilberto und Stan Getz wird zu einem Welt-Hit. Es verwundert kaum, dass „The Girl from Ipanema“ auch im Repertoire des „Girl from Uddevalla“ auftaucht. Hinter jenem „Girl from Ipanema“ verbarg sich übrigens keine Phantasiegestalt, ihr bürgerlicher Name ist Helo Pinheiro – geboren wenige Tage vor Sylvia Vrethammar.

Die Sängerin aus Uddevalla lernt schon früh jenen Sehnsuchtsort Ipanema kennen. 1970 reist sie als Vertreterin Schwedens zum Festival Internacional da Canção nach Rio de Janeiro. Kurz darauf tritt Vrethammar mit der brasilianischen Samba-Formation Trio Pandeiros de Ouro in Skandinavien auf und gilt dort von nun an als „Queen of Samba“. 1985 nimmt sie das Album Rio de Janeiro Blue ebendort auf, u.a. mit dem Akkordeonisten Sivuca, dem Gitarristen Ricardo Silveira und Schlagzeuger Paolo Braga. Ebenfalls beteiligt ist der Mundharmonika-Virtuose Toots Thielemans, einer der passioniertesten Freunde brasilianischer Musik. Auch als der Bossa Nova-Boom längst abgeklungen ist, pflegt Vrethammar diese musikalische Liebesbeziehung weiter, die eben nicht eine kurze Affäre sein sollte, sondern bis heute andauert. 2005 erscheint eine Produktion mit dem alles sagenden Titel Sommar! Samba! Sylvia!

Samba und Bossa Nova gehören genauso zu ihrem Profil wie Pop, Schlager, Easy Listening und Jazz. Für The Girl from Uddevalla hat sie Musiker im Studio versammelt, die sich auf diesen Cocktail verstehen. In ihrem Landsmann Magnus Lindgren hat Sylvia Vrethammar nicht nur einen exzellenten Bläser gefunden, der vor allem als Flötist weltweit seinesgleichen sucht: Auch als Arrangeur versteht er sich auf die Kunst, Unterhaltung und Anspruch, Populäres mit Jazz-Sensibilität zu vereinen. Geschmack- und stilvoll, frei von Kitsch und musikfolkloristischem Tand. Lindgren erweist sich obendrein als Idealbesetzung, als er erklärtermaßen zwei große Lieben hat -Jazz und brasilianische Musik (und beide Leidenschaften auch in eigener Sache im Rahmen der Band Batucada Jazz vereint). Trompeter Rüdiger Baldauf, Gitarrist Bruno Müller, Pianist Frank Chastenier, Bassist Christian von Kaphengst, Schlagzeuger Thomas Heinz und Perkussionist Alfonso Garrido: Sie alle sind hochversierte Studio-und Live-Musiker, die mit allen Jazz-Wassern gewaschen, aber vollkommen frei von jedwedem Jazz-Snobismus sind. Jede Ausdrucksform, sei es Jazz, Pop, Rock, Soul, Funk, Weltmusikalisches oder Brasilianisches, ist für sie das, was der Titel einer Vrethammar-CD von 2014 so simpel auf den Punkt bringt: Musik.

Längst vorbei die Zeiten, da ein europäischer Künstler, wenn er ein „Brasilien-
Album“ aufnehmen wollte, eben dorthin reisen musste, um sich eines gewissen Niveaus und eines Mindestmaßes an „Authentizität“ sicher zu sein. Exzellente Instrumentalisten, die diese Musik nicht nur beherrschen, sondern sie vor allem mit feeling spielen, gibt es mittlerweile überall. Auch in Deutschland, einem Land, das in Vrethammars Karriere seit Anbeginn eine wichtige Rolle spielte, seit 1990 ihre zweite Heimat ist und in dem sie ein zweites Zuhause gefunden hat, unweit von Köln, in Lohmar.

Viele von uns träumen davon, einmal nach Brasilien zu reisen. Daheim eine Caipirinha zu genießen, bringt uns da nicht sehr viel weiter. Sylvia Vrethammar alias The Girl from Uddevalla indes schafft es, uns bis ans Ziel dieser Träume mitzunehmen. In ein Land, das lange Zeit allenfalls einmal im Jahr weltweit in den Medien auftauchte (mit dem Karneval in Rio), jedoch in den letzten Jahren dank der Fußball-WM und der Olympischen Spiele ins Zentrum einer globalen Öffentlichkeit geriet, uns die Lebensfreude näher brachte, aber auch mit den Problemen des Landes konfrontierte – Wirtschaftskrise, Korruption, Armut, Kriminalität, Umweltsünden.

„The World Is Calling“ ist ein Song, der thematisiert, dass der gesamte Planet aus den Fugen zu geraten scheint. Musik verbessert die Welt – diesem Glauben geben wir uns nur allzu gern hin, er ist aber ein Trugschluss. Doch Musik kann dazu beitragen, dass wir uns öffnen und das zelebrieren, was nicht trotz, sondern gerade angesichts aller Probleme so wichtig ist: Lebensfreude. Mission accomplished, Sylvia – obrigado!

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